Emissionsfreie Busse ab 2020

BÜRGERSCHAFT

DER FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG     Drucksache 21/3244

21. Wahlperiode     19.02.16

Schriftliche Kleine Anfrage

des Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg (FDP) vom 12.02.16

und Antwort des Senats

    Betr.:     Emissionsfreie Busse ab 2020

Bisher hat der Senat immer wieder mitgeteilt, dass ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse angeschafft werden. In der letzten Verkehrsausschusssitzung am 5. Februar 2016 erklärte der neue HOCHBAHN-Chef auf Nachfrage wiederholt, dass es völlig offen sei, ob dieses Ziel erreichbar ist.

Ich frage den Senat:

Hamburg unternimmt große Anstrengungen, die Luftqualität weiterhin deutlich zu verbessern. Auf Einladung des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg hat am 1. Februar 2016 ein Round-Table-Gespräch stattgefunden, an dem Bürgermeister großer Städte mit dem Bundesverkehrsminister, den Vorständen der deutschen Automobilhersteller und dem Verband der Automobilindustrie über mögliche gemeinsame Maßnahmen zur schnellen Markteinführung von lokal emissionsarmen und emissonsfreien Fahrzeugen beraten haben. Dabei wurde deutlich, dass alle europäischen Anbieter von Linienbussen aktuell an der Weiterentwicklung von ganz oder teilweise elektrisch angetriebenen Bussen arbeiten. Dies ist von besonderer Bedeutung, weil kommunale Flotten ein hohes Potenzial für den Einsatz elektrischer Antriebe aufweisen. Eine zeitgerechte und mengenmäßige Verfügbarkeit von E-Fahrzeugen sicherzustellen ist eine wesentliche Aufgabe der Bushersteller. Die deutsche Fahrzeugindustrie wurde aufgefordert, eine Selbstverpflichtung hinsichtlich der Priorisierung des deutschen Leitmarktes in Bezug auf die Produktionslogistik und Vertriebssteuerung einzugehen. Der Senat hält weiterhin an dem Ziel fest, ab 2020 ausschließlich emissionsfreie Busse anzuschaffen.

Dies vorausgeschickt, beantwortet der Senat die Fragen teilweise auf der Grundlage von Auskünften der Hamburger Hochbahn (HOCHBAHN) und der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) wie folgt:

1. Hat der Senat bereits Gespräche mit Herstellern von emissionsfreien Bussen geführt?

Ja.

a) Wenn ja, mit welchen Herstellen und mit welchem Ergebnissen?

Die HOCHBAHN und VHH befinden sich in einem regelmäßigen Austausch mit Herstellern von Linienbussen wie Daimler Benz, MAN, Volvo, Sileo, VanHool und Solaris, um die Weiterentwicklung von Bussen mit emissionsfreien Antrieben voranzutreiben. Im Mittelpunkt der Optimierung stehen dabei technische Aspekte wie die Verfügbarkeit sowie Anpassung der innovativen Antriebssysteme an betriebliche Anforderungen, wie zum Beispiel die Linienlänge.

Derzeit werden die aus Sicht der HOCHBAHN relevanten Busantriebe mit ihren jeweiligen Einrichtungen zur Versorgung (Lademasten et cetera) auf der Innovationslinie

    Drucksache 21/3244      Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg – 21. Wahlperiode

109 (ZOB Hauptbahnhof – U-Alsterdorf) erprobt, um ihre Praxistauglichkeit zu bewerten und die verbleibenden Optimierungsansätze zu ermitteln.

Die ersten Vorserien von lokal emissionsfreien Bussen werden von der Industrie für Ende dieses Jahrzehnts angekündigt. Ab Beginn der Dekade werden voraussichtlich serienreife Busse zur Verfügung stehen.

b) Wenn nein, warum nicht?

Entfällt.

  1. Wie viele emissionsfreie Busse müssten ab 2020 jedes Jahr beschafft werden, damit ausreichend Buskapazitäten vorhanden sind?

Unter den heute bekannten Rahmenbedingungen (Fahrgastnachfrage etc.) wird die HOCHBAHN – unabhängig von ihrer Antriebsart – pro Jahr zwischen 60 bis 70 Busse und die VHH zwischen 40 und 60 Busse pro Jahr beschaffen. Bei der VHH werden 60 Prozent auf Hamburger Buslinien eingesetzt. Das erwartete Beschaffungsvolumen bei der VHH für die Hamburger Linien liegt dann bei 30 bis 40 Bussen pro Jahr.

  1. Wie viele emissionsfreie Busse werden derzeit in Europa pro Jahr produziert?

Die Zahl vollständig lokal emissionsfreier Busse, die pro Jahr in Europa hergestellt werden, liegt bei etwa 50 bis 70 Fahrzeugen pro Jahr mit rasch wechselnder Tendenz.

  1. Wie viele Busse werden derzeit insgesamt in Europa pro Jahr produziert?

Derzeit werden von den Busherstellern in Europa pro Jahr schätzungsweise 10.000 Busse (Reisebusse und ÖPNV) hergestellt.

  1. Welche Investitionen sind noch erforderlich, damit emissionsfreie Busse ab 2020 auf allen Linien betrieben werden können? Welche Kosten sind damit verbunden und wer trägt diese?

Ergänzend zu der Beschaffung lokal emissionsfreier Busse wird jeweils die Infrastruktur für deren Energieversorgung benötigt. Je nach Systemkonzept handelt es sich um Ladeeinrichtungen auf den Strecken beziehungsweise dem Busdepot oder Wasserstofftankstellen. Der Umfang der benötigten Einrichtungen hängt vorrangig von den aktuell sehr dynamischen Entwicklungen etwa bei der Energiedichte von Batterien ab und kann daher noch nicht abschließend bewertet werden. Für die Investitionen in die Ladeinfrastruktur sind Modelle vorstellbar, wonach nicht der Busbetreiber, sondern der Stromnetzbetreiber diese Kosten übernimmt.

Neben der Infrastruktur ist der Einsatz weiterer Kosten durch zum Beispiel zeitintensives Laden der innovativen Busse zu berücksichtigen.

Da sich derzeit nicht vorhersagen lässt, welches Modell in den Jahren ab 2020 das Wirtschaftlichste sein wird, ist eine Schätzung der voraussichtlichen Höhe der Investitionen zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich.

  1. Hat der Senat sich bereits Gedanken gemacht, welche Antriebsart präferiert werden soll?
    1. Wenn ja, welche?
    2. Wenn nein, warum nicht?

HOCHBAHN und VHH haben noch keine Entscheidung zu einer eventuellen Präferenz hinsichtlich der Antriebsart getroffen, da noch keine abschließenden Ergebnisse aus der praktischen Erprobung der innovativen Busse vorliegen.

  1. Welche Erkenntnisse über innovative Antriebstechnologien hat der Senat in den letzten fünf Jahren dazugewonnen?

Neben den bereits länger bei der HOCHBAHN in der Erprobung befindlichen Brennstoffzellenhybridbussen der Daimler AG, bieten die Bushersteller seit dem Jahr 2014 auch andere emissionsfreie Busse vor allem mit einer Hochleistungsbatterie an. Neben reinen Batteriebussen sind dieses Plug-In-Hybridbusse (Kombination aus zwei

2

    Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg – 21. Wahlperiode     Drucksache 21/3244

Motoren, zum Beispiel einen Dieselmotor und einen Elektromotor, und zwei Energiespeicher, Tank und Batterie), die nur Teile von Buslinien elektrisch befahren können. Diese Busse verfügen noch über einen Verbrennungsmotor und bieten einen guten Einstieg in die Batterietechnologie, da das Risiko in der Erprobungsphase, zum Beispiel durch den Ausfall von Ladeinfrastruktur, begrenzt ist. Seit Ende des Jahres 2014 werden auf der Innovationslinie 109 parallel neben teilelektrischen Hybridbussen PlugIn-Hybridbusse sowie Brennstoffzellenhybridbusse und Batteriebusse mit einer Brennstoffzelle als Range-Extender („Reichweitenverlängerer“) erprobt. Im Laufe des Jahres 2016 werden reine Batteriebusse zum Einsatz kommen.

Die bisherige Evaluation lässt derzeit noch keine Entscheidung für eine Antriebstechnologie zu, allerdings werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Antriebe erkennbar. So besteht bei Bussen mit Brennstoffzellen der Vorteil in der Reichweite und der Produktivität des Einsatzes, während Batteriebusse sich durch eine hohe Effizienz und einen im Verhältnis günstigen Energieeinsatz auszeichnen. Möglicherweise werden daher künftig Busse mit verschiedenen Antrieben, entsprechend den Anforderungen ihres jeweiligen Einsatzes (Linienlänge, Energieverbrauch, Zeitfenster zum Laden), zu beschaffen sein.

Die VHH hat aktuell bereits einen vollelektrischen Bus im Linienbetrieb sowie weitere zehn Dieselhybridbusse mit einem seriellen elektrischen Antrieb. Die VHH sammelt damit Erfahrungen bei Fahrzeugen (unter anderem Verbrauch, Zuverlässigkeit, Kosten, Design), im Betrieb (unter anderem Einsatz bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, Kunden- und Fahrerakzeptanz, Integration in Betriebsabläufe) und bei der Instandhaltung (unter anderem Mitarbeiterqualifikation, Werkstattausrüstung). Die VHH hat daraus die Erkenntnisse gezogen, dass auf dem Markt Klein- und Stadtbusse erhältlich sind, die ihre betriebliche Einsatzfähigkeit bewiesen haben. Langzeiterfahrungen unter den in Hamburg vorherrschenden Bedingungen liegen noch nicht vor.

  1. In Drs. 20/812, Frage 11. berichtet der Senat von laufenden Gesprächen mit den von den Verkehrsunternehmen eingerichteten Arbeitsgruppen zur Einführung emissionsfreier Busse. Damals konnte der Senat noch keine Aussage zu den Ergebnissen machen. Liegen nach fast fünf Jahren Ergebnisse vor?

    Wenn ja: Was sind diese Ergebnisse?

    Wenn nein: warum nicht?

Die Gespräche zwischen der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation und den Busverkehrsunternehmen werden weiter fortgeführt. Hinsichtlich des Diskussionsstandes siehe Antwort zu 7.

Darüber hinaus stimmen sich die HOCHBAHN und die VHH zu ihren jeweiligen Konzepten und Projekten ab, um einen umfassenden Austausch von Erfahrungen und einen künftig einheitlichen Standard, zum Beispiel bei der Ladeinfrastruktur, zu erreichen.

  1. Wie viele emissionsfreie Busse fahren Stand heute im Linienbetrieb?

Derzeit sind bei der HOCHBAHN insgesamt sechs komplett lokal emissionsfreie Busse im Einsatz, im Laufe des Jahres 2016 kommen drei weitere Fahrzeuge dazu. Bei der VHH ist ein Fahrzeug im Einsatz.

a) Welche Antriebsart besitzen sie?

Bei der HOCHBAHN handelt es sich um:

  • vier Brennstoffzellenhybridbusse,
  • zwei Batteriebusse mit Brennstoffzelle als Range-Extender und drei Batteriebusse (im Laufe des Jahres 2016).

Drei weitere Plug-In-Hybridbusse können weite Abschnitte der Innovationslinie 109 durchweg elektrisch zurücklegen.

Bei der VHH handelt es sich um ein Fahrzeug mit vollelektrischem Antrieb.

    3 Drucksache 21/3244      Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg – 21. Wahlperiode

  1. Welche Erfahrungen wurden mit diesen Bussen (jeweils) gemacht?
  2. Fahren die Busse zu verlässig oder kommt es aufgrund ihrer Antriebsart zu Unregelmäßigkeiten?

Bei den Bussen der HOCHBAHN handelt es sich bei den komplett lokal emissionsfreien Bussen noch um Prototypen (Batteriebus mit Range-Extender, Batteriebus) beziehungsweise Vorserien (Brennstoffzellenhybridbusse), daher liegen sie hinsichtlich Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit unter den Werten für Dieselbusse aus der Serienproduktion. Durch den Feldtest auf der Linie 109 und den anhaltenden Austausch mit der Fahrzeugindustrie unterstützt die HOCHBAHN den Prozess der weiteren Optimierung bis zur vollständigen Einsatzreife maßgeblich.

Bei der VHH wird aufgrund der guten Erfahrungen hinsichtlich der Zuverlässigkeit derzeit ein zweites Fahrzeug für die Linie 48 beschafft.

10. Kann der Senat sicher versprechen, dass ab 2020 nur noch emissionsfreie Busse angeschafft werden?

Wenn nein: Wieso hat er wiederholt ein solches Versprechen abgegeben?

Hochbahn und VHH unterstützen dabei die Industrie bei der weiteren Entwicklung bis zur Serienreife mit ihrer fachlichen Expertise, um die zielgerichtete Weiterentwicklung der Technologien zu ermöglichen. Der Senat hält weiterhin an dem Ziel fest, ab 2020 ausschließlich emissionsfreie Busse anzuschaffen. Es ist allerdings Aufgabe der Hersteller, die entsprechenden Fahrzeuge herzustellen und zu liefern. Hamburg als Abnehmer der Fahrzeuge kann sicherstellen, dass ein entsprechender Markt für die Produkte entsteht.

4